Ein Blick in den Mikrokosmos

Faszination auf allen Skalen

Die Schöpfung ist eine einzige Faszination auf allen Skalen! Diese Erkenntnis war für mich nicht neu, zumal sich daraus auch mein beruflicher Werdegang ergab. Aber es darf immer wieder neu entdeckt werden, zumal in diesem Fall mit einfachen Mitteln. Weltraumreisen von meinem Garten aus zu machen ist einfach nur abenteuerlich - und genial! Aber eben auch das Abtauchen in den Mikrokosmos - was zudem deutlich einfacher ist.

Ob es das Fleckenfell eines Leoparden, die Spiralform einer Schnecke oder die filigranen Sechsecke von Schneeflocken sind: In der belebten und in der unbelebten Natur finden sich zahllose, scheinbar perfekt gestaltete Formen und Muster. Dabei stößt man in verschiedenen Diemensionen auf ähnliche Designs. Die Spirale ist nicht nur bei den Weichtieren beliebt, sondern formt auch junge Farnwedel und lässt sich als Spiralgalaxie tausendfach am Nachthimmel beobachten.

Es kommt einer neuen Erfahrung gleich, wenn man - im Gegensatz zur Astrofotografie - das Beobachtungsobjekt manipulieren, ihm durch Änderung der Beleuchtung mehr Tiefe geben kann ... Für einen Astrofotografen eine immense Erleichterung! Gleichzeitig wird die Beobachtung bequem vom Arbeitszimmer aus betrieben - unabhängig von der Tageszeit, Wind und Wetter.

So war der Himmel wieder mal war grau. Über lange Zeit. Und wenn er frei war, dann schien der Mond oder der Wind rüttelte an meinem Teleskop. Für einen, der gerne das Ungewöhnliche sichtbar macht, eine echte Durststrecke.

Da wurde die Idee geboren, mein Lichtmikroskop aus meiner Studentenzeit zu aktivieren, es in ein Polarisations-Mikroskop umzubauen, um mich zur Abwechslung wieder mal der "Welt unterm Mikroskop" zuzuwenden. Und erneut kam das Staunen zurück.

Kaum zu glauben. Ich nahm die Gelegenheit wahr, zwei meiner schönsten Bilder - jeweils aus dem Weltraum und dem Mikroskosmos - auf Leinwand zu bannen: 

- Messier-Nebel M42 im Sternbild Orion (Schwertgehänge) --> siehe "Nightviews" "3. Deep Sky - Objekte"
- Kristall eines Grauburgunder Rheinhessen 2014 --> siehe "Projekte" Abb. 3

Ersteres entstand mit Hilfe meines Selbstbau-Newton - Teleskops, das Weinkristall mit dem aufgehübschten studentischen Mikroskop von Karstadt. Nun stehen zwei Bilder im gleichen Format von 60 cm x 40 cm in meinem Arbeitszimmer nebeneinander, während zwischen der wahren Größe ihrer Objekte ein Faktor 10E20 liegt - eine Eins mit 20 Nullen - aufgenommen mit Mitteln, die ein gestandener Haushalt hergibt ...

 

1. Auf den Wein gekommen: Die dritte Dimension des Weines

Im Wein liegen nicht nur Genuss und Gaumenfreuden, sondern Schönheit. Atemberaubend und umwerfend: Man bringe nur einen Tropfen seines Lieblingweines auf einen Objektträger, lasse die Flüssigkeit verdunsten. Zurück bleiben - meist mehrfachbrechende - Kristalle, die sich in einer unglaublichen Formenvielfalt  und außerordentlicher Schönheit im Polarisationsmikroskop zeigen: Jedes eine Goldschmiede-Designer-Vorlage! Es ist die schiere Erfindungslust eines gewissen Grundmusters, vervielfältigt in tausend Varianten. Einfach zierlich genaue kleine Kostbarkeiten.  

 IMG 7012 Weinkristall

 Abbildung 1: Das Übersichtsbild von einem Tropfen "Ortenauer Rosè  2015er, Sommerwein (trocken)" zeigt bereits die Formenvielfalt und die Schönheit des Weines. Kantenlänge des Bildes: ca. 0,3 mm.

 

IMG 7058 Weinkristall

 Abbildung 2: Vergrößerung eines einzelnen Kristalls. Kantenlänge des Bildes: ca. 0,1 mm

 

Ganz anders als diese schiffsrumpfähnlichen Strukturen sind Kristalle z. B. aus dem "Grauburgunder Rheinhessen 2014". Da gibt es komplexe Kristalle, wie in Abbildung 3 gezeigt.     

 

 KristallstrukturGrauburgunderRheinhessen2014

 Abbildung 3: Blick in die Kristall-Wunderwelt eines "Grauburgunder Rheinhessen 2014"

 

Im letzten Tropfen eines "Schwaigener Trollinger mit Lemberger 2015" entdeckte ich ein deutlich symmetrisches Kreuz mit zentraler Binde, wie in Abbildung 4 gezeigt.

 SchwaigenerTrollingerLemberger2015

 Abbildung 4: Beispiel eines symmetrischen Kristalls eines "Schwaigener Trollinger mit Lemberger 2015"

 

Idee für eine Weinprobe: Eine naheliegende Anwendung des bisher Geschilderten ist eine Weinprobe: Man steht in fröhlicher Runde zusammen - ist in der Zwischenzeit vielleicht schon ein bisschen angesäuselt - kann gerne von einem der besten (teuersten) Weine eine kleine Probe auf einen Objektträger meines Mikroskops gegeben werden. Während die Gesellschaft genüsslich sich an dem Wein ergötzt, kann die genommene Probe erwärmt werden. Der Vorgang der Verdampfung der Flüssigkeit wird simultan auf einem Bildschirm gezeigt. Die Ausprägung der Kristalle geht Hand in Hand: Da sucht sich also ein Schlückchen besten Weins seinen Weg durch die Kehlen der Gäste, erfreut sie mit einem guten Geschmack; gleichzeitig kann die Schönheit des Weines auf dem Bildschirm gezeigt werden. Geht noch mehr?!

 

2. Wenn die Sterne vom Himmel fallen ...

Da muss man schon auf den Winter warten. Der ist also auch für die Beobachtung im Mikroskopischen gut: Wir erwarten einen kalten Tag, an dem sich die Sonne durch den anfänglichen Hochnebel im Bodenseekessel kämpft. Erstaunlicherweise kannn gerade dann beobachtet werden, dass Sterne aus heiterem Himmel fallen!

Seit Stunden ist mein Binokular zum Abkühlen im Freien auf der Terrasse aufgestellt und kleine Streifen schwarzer Velour-Tapete auf dem Schnee im Rasen ausgelegt. Wichtig ist, dass mein Arbeitsplatz nicht von der Sonne erreicht wird. Warme Kleidung hilft bei dieser Arbeit, denn ein Frierender beobachtet nicht gut - es sei denn, er ist Astrofotograf; da muss es kalt sein!

Meine Canon G12 ist so auf dem Stativ montiert, dass sie genau ins Okular meines Binokulars schaut. Ich arbeite beim in Abbildung 5 gezeigten Bild im manuellen Betrieb, in diesem Fall mit 1/20 s und weitgehend offener Blende. Wegen der Flüchtigkeit meiner Objekte ist schnelles Arbeiten angesagt, aber das hilft ja bekanntlich auch gegen Kälte :-)! Meine warmen Hände halte ich auf Distanz zum Objekt und auch das Atmen wird - weitgehend - eingestellt. Beleuchtung war in unten stehendem Fall einfach das Tageslicht.

Die Sechsecke von Schneeflocken ergeben sich aus der Kristallstruktur von Eis. Darin sind die Wassermoleküle in hexagonalen Ringen erstarrt, was die Wachstumsrichtung der Ärmchen lenkt. Dass trotzdem kein Kristall dem anderen gleicht liegt daran, dass das System schon auf minimale Veränderung der Lufttemperatur und -feuchtigkeit reagiert. Es scheint, als wolle uns der Schöpfer mit endlosen Variationen von seiner Kreativität überzeugen, weshalb die Natur schöner ist als nötig.

 

 SchneekristalI IMG 0800

Abbildung 5: Winter im Detail: Mein erstes dokumentiertes, sternförmiges Schneekristall unterm Binokular

 

Video: Glaube und Wissenschaft

Video: Staunen über das Universum

Video: Rosetta Mission